„Die größte Herausforderung war das knappe Zeitfenster für die Umsetzung des Projekts. Das erforderte einen sehr straffen Zeitplan, den wir mit mehreren Beteiligten abstimmen mussten.“
Présentation :
In den vergangenen zehn Jahren stand in Europas Energiedebatte vor allem eine Frage im Mittelpunkt: Wie schnell können wir unsere Energieversorgung dekarbonisieren? Im Jahr 2026 ist eine zweite Frage ebenso dringlich geworden: Wie schnell können wir unsere Energieinfrastruktur ausbauen, ohne dabei von anderen abhängig zu sein?
Hinter diesem Wandel stehen weniger politische Haltungen als vielmehr strukturelle Gegebenheiten. Europa importiert nach wie vor 58 Prozent seiner Energie (Eurostat-Daten) und gibt dafür jährlich mehr als 400 Milliarden Euro aus. Vor diesem Hintergrund betrachten politische Entscheidungsträger die Energieinfrastruktur zunehmend nicht nur als Voraussetzung für den Klimaschutz, sondern auch als strategisch wichtiges Gut. Mit dem am 10. Dezember 2025 vorgestellten Maßnahmenpaket „European Grids Package“ will die Europäische Kommission die Widerstandsfähigkeit und Sicherheit grenzüberschreitender Energieinfrastrukturen erhöhen sowie die Koordinierung, Planung und Genehmigung europäischer Energienetze verbessern.
Mit anderen Worten: Souveränität ist längst nicht mehr nur ein Thema für Fachkonferenzen. Sie entwickelt sich zu einem zentralen Grundsatz der Energiepolitik.
Wo die eigentlichen Schwachstellen liegen
Wie wichtig dieser Wandel ist, lässt sich weniger an politischen Strategiepapieren als an der technischen Ausstattung erkennen, die unsere Stromversorgung sicherstellt.
Die weltweit steigende Nachfrage nach Transformatoren, Hochspannungskabeln, Stromrichtern und Leistungselektronik hat die Lieferzeiten für neue Anlagen und Ersatzkomponenten erheblich verlängert. Damit hängt die Fähigkeit eines Landes, seine Stromversorgung abzusichern und sein Stromnetz auszubauen, zunehmend von Produktionskapazitäten, Logistiknetzen und Lieferketten außerhalb der eigenen Landesgrenzen ab.
Die zentrale Herausforderung liegt dabei nicht in erster Linie in der Stromerzeugung. An ambitionierten Zielen für den Ausbau erneuerbarer Energien mangelt es Europa nicht. Die Engpässe bestehen vielmehr beim Netzausbau und bei der Verfügbarkeit wichtiger Komponenten. Hier treffen Fragen der Energieversorgungssicherheit unmittelbar auf die industrielle Leistungsfähigkeit.
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß: Auf China entfallen derzeit rund ein Viertel des weltweiten Handels mit Transformatoren und etwa 60 Prozent der globalen Produktionskapazitäten für Transformatoren. Gleichzeitig warten in der EU Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien mit einer Gesamtleistung von rund 1,7 TW auf einen Netzanschluss.
Die Herausforderung besteht daher nicht allein darin, mehr Strom zu erzeugen. Entscheidend ist vielmehr, die Infrastruktur zu schaffen, mit der sich dieser Strom in großem Maßstab transportieren, steuern und in die Netze integrieren lässt.
Eigenständige Netzkapazitäten aufbauen
Vor diesem Hintergrund wird die Debatte über Souveränität sehr konkret. Es geht weniger um politische Absichtserklärungen als um die Fähigkeit, Infrastrukturprojekte tatsächlich umzusetzen.
Als Teil des Netzwerks von VINCI Energies, das mit mehr als 570 Business Units in 36 Ländern vertreten ist, arbeitet Omexom an der Schnittstelle zwischen energiepolitischen Zielen und ihrer praktischen Umsetzung. Das Unternehmen plant, errichtet, modernisiert und wartet Umspannwerke und Übertragungsnetze. Diese Infrastruktur ist entscheidend dafür, dass der Strom tatsächlich bei Haushalten, Unternehmen und Industriebetrieben ankommt.
Drei Tätigkeitsfelder sind für die Debatte über Energiesouveränität besonders relevant.
1. Durch regionale Strukturen unabhängiger von einzelnen Lieferanten werden
Ein widerstandsfähiges Stromnetz setzt robuste Lieferketten voraus. Omexom arbeitet deshalb mit regionalen Umsetzungsmodellen und einem breit aufgestellten Lieferantennetzwerk. Statt sich auf einen einzelnen Anbieter zu verlassen, kooperiert das Unternehmen mit verschiedenen Herstellern von Anlagenkomponenten und Technologiepartnern. Das erhöht die betriebliche Flexibilität und verringert Risiken durch geopolitische Entwicklungen und Beschaffungsengpässe.
Beispiele dafür sind grenzüberschreitende Stromübertragungsprojekte, schlüsselfertig errichtete Umspannwerke in Brasilien, Saudi-Arabien und Afrika sowie Freileitungsprojekte, bei denen lokale Beschaffung, die Integration von Komponenten verschiedener Hersteller und regionales Fachwissen kombiniert werden.
2. Vorhandene Netzinfrastruktur besser nutzen
„Der Bau neuer Infrastruktur bleibt unverzichtbar. Doch die bessere Nutzung bestehender Anlagen kann oft schneller Wirkung zeigen und die Umwelt zugleich weniger belasten. Ein Land kann seine Energiewende nicht beschleunigen, wenn die Netzinfrastruktur zum begrenzenden Faktor wird. Deshalb hat die Modernisierung und Ertüchtigung bestehender Netze inzwischen strategische Priorität“, ergänzt André.
Gerade angesichts der wachsenden Zahl von Projekten, die in Europa auf einen Netzanschluss warten und zusammen rund 1,7 TW Leistung umfassen, bietet dieser Ansatz eine praktikable Möglichkeit, Netzengpässe zu verringern und die Integration erneuerbarer Energien zu beschleunigen.
3. Fachkräfte für widerstandsfähige Stromnetze qualifizieren
Die Widerstandsfähigkeit der Infrastruktur hängt letztlich von den Menschen ab.
Netzbetreiber in ganz Europa berichten von einem zunehmenden Fachkräftemangel in Bereichen wie digitalen Umspannwerken, SCADA-Systemen und moderner Netzdatenanalyse. Diese Engpässe stellen eine erhebliche Herausforderung dar. Denn Investitionen in technische Anlagen allein reichen nicht aus, um ein widerstandsfähiges Stromsystem aufzubauen. Dafür braucht es auch Fachkräfte, die solche Anlagen planen, in Betrieb nehmen und betreiben können.
André ergänzt: „Wie widerstandsfähig unsere Stromnetze künftig sein werden, hängt nicht nur von der Technologie ab. Entscheidend ist auch, ob es der Branche gelingt, zunehmende Personalengpässe zu überwinden und Fachwissen in den entscheidenden Disziplinen aufzubauen.“
Mit seinem Digital Substation Training Centre trägt Omexom dazu bei, die Fachkräfte auszubilden, die für ein zunehmend digitalisiertes und vernetztes Stromsystem benötigt werden.
Warum diese Perspektive wichtig ist
Angesichts des weiter steigenden Energiebedarfs werden in den kommenden zehn Jahren vor allem jene Unternehmen und Länder gut aufgestellt sein, die ihre Stromnetze nicht nur als Voraussetzung für den Klimaschutz, sondern auch als Grundlage ihrer strategischen Unabhängigkeit betrachten. Dieser Unterschied ist wichtig. Denn wie widerstandsfähig ein Stromnetz tatsächlich ist, hängt letztlich davon ab, was umgesetzt wird, nicht davon, was man sich vornimmt.
Für Omexom ist diese Sichtweise nicht neu. Umspannwerke, Übertragungsnetze und Verteilinfrastruktur erfüllen seit jeher denselben Zweck: sicherzustellen, dass Strom bei den Menschen ankommt, unabhängig davon, wo er erzeugt wird. Verändert hat sich jedoch das Verständnis dafür, welche Bedeutung diese Infrastruktur hat. Sie gilt längst nicht mehr nur als Bestandteil der Energiewende, sondern auch als tragende Säule der nationalen Sicherheit, der strategischen Autonomie und der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit.
Die Energiewende mag bestimmen, wie Europa künftig seinen Strom erzeugt. Ob Europa diesen Strom nach eigenen Vorstellungen nutzen kann, hängt jedoch von seinen Stromnetzen ab.


